Leserbrief zu „Wanderer aus Räbke glaubt, nicht mehr im Wald zu sein“

Braunschweiger Zeitung, Helmstedter Nachrichten, H1, 3. April 2012


Zur forstlichen „Entwarnung“ der Kritik an der Holzernte in unseren Wäldern

Nur Fahrspuren oder doch ein größerer Eingriff in den Bürgerwald<small> </small>?Nur Fahrspuren oder doch ein größerer Eingriff in den Bürgerwald ?

Nicht nur aus Räbke sondern aus dem gesamten Ostbraunschweiger Hügelland können Wanderer die Kritik, die Reinhard Höke an den holzwirtschaftlichen Eingriffen in den Niedersächsischen Landesforsten übt, nachvollziehen. Was der Pressesprecher der Nds. Forstverwaltung Dirk Strauch als sog. „Forstexperte“ dagegen hält und vage zur Nachhaltigkeit äußert, hat mit konkret erfahrbaren Eingriffen draußen im Wald nichts zu tun. Der Leser erfährt vom Pressesprecher nichts, was die in Räbke, aber auch bei uns im Beienroder Holz, im Essehofer Wald oder im Hohenstedter Holz im 25 m Abstand gefrästen Rückeschneisen, welche die Harvester im Wald hinterließen, rechtfertigen könnte. In Hanglage im Elm wurden oft schwerste Erosions­rinnnen sichtbar. In der Ebene wurden Frühblüherflächen zermalmt und sind schwere Waldboden­verdichtungen erkennbar. Sogar Waldsäume entlang der Forstschotter­straßen im Beienroder Holz sind abschnittsweise für Hackschnitzel­firmen beseitigt worden.

Dass alte Eichen und Buchen schon durch ihren Strukturreichtum eine andere ökologische Wertigkeit für den Wald besitzen als die immer wieder als Zukunftssicherung beschworene, durch zu hohe Schalenwilddichte verbissene natürliche Verjüngung, wird gern verschwiegen. Und was die im Artikel erwähnte Verkehrssicherheit alter Bäume in der Nähe von Fahrbahnen betrifft, so wäre auch die sorgfältiger und am konkreten Beispiel zu erörtern. Denn wer z. B. die Stümpfe am Rande des Naturwald­gebietes Rieseberg an der Straße von Scheppau nach Lauingen untersucht – frisch gefällte Eichen und Hainbuchen am Straßenrand –, der wird auch als Laie sofort erkennen, dass es sich hierbei um strutzgesunde Bäume handelte und nicht um verkehrs­gefährdende Baumruinen.

Wir wünschen uns von den Förstern jene im Artikel von Stefan Herzog zitierte „peinlich genau“ auf Nachhaltigkeit achtende Forstwirtschaft, die uns nach bewährter Praxis reichhaltige Wirtschaftswälder hinterließ. Die derzeit unverhältnismäßig eingreifende neue Holzwirtschaft plappert Beschwichtigungsfloskeln aus dem Holzabsatzfond nach und versucht die Öffentlichkeit mit Allgemeinplätzen zur Nachhaltigkeit oder mit PEFC-Zertifikatsschildern am Waldrand zu verdummen. Sie muss sich mutige Kritik wie die von Herrn Höke aus Räbke gefallen lassen. Denn die Nds. Landesforsten sind in erster Linie auf Gewinn­maximierung aus. Der teuerste in Jahrhunderten gewachsene Eichenstamm aus dem Landkreis Wolfenbüttel ersteigerte in diesem Jahr (Helmstedter Nachrichten 21.03.2012) gerade einmal 2.500 €. Das ist, wenn man die aktuelle Gewinn­ausschüttung der Volkswagen AG für ihre Mitarbeiter in Betracht zieht, ein lächerlicher Preis dafür, dass wir unseren Kindern bald kaum noch jahrhunderte alte Eichenbäume in unseren Wäldern zeigen können. Und nebenbei bemerkt handelt sich bei den meisten unserer Wälder zwischen Helmstedt und Wolfenbüttel um Landesforsten, die nicht den Förstern, sondern immer auch uns gehören. Denn Staatsforst ist Bürgerwald – danke, Herr Höke !

Prof. i. R. Dr. Gerhard Trommer (FB Biowissenschaften Uni Frankfurt/M.), wohnhaft in 38165 Lehre


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