HAZ vom 03.05.06

Niedersachsen


Naturschützer warnen vor Kahlschlag

Naturschützer und Förster sorgen sich um die niedersächsischen Wälder

In den vergangenen Jahren wurde dort mehr Holz eingeschlagen als in der Zeit zuvor. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fürchtet inzwischen um die ökologische Stabilität der Wälder und schlägt Alarm. „Vor allem in den alten Eichenwäldern findet ein regelrechter Kahlschlag statt“, sagt der Waldreferent des Landesverbandes Niedersachsen, Karl-Friedrich Weber. Besonders betroffen seien die Eichenwälder rund um Braunschweig. Auch in den alten Buchenwäldern im Elm und im Solling werde zu viel Holz geschlagen. Diese Auffassung vertreten auch viele Förster. Aber keiner von ihnen will öffentlich Stellung nehmen.

Für die Bewirtschaftung der Landesforsten sind die Anfang 2005 gegründeten „Niedersächsischen Landesforsten“ in Braunschweig zuständig, eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Sie ist die Nachfolgerin der früheren Landesforstverwaltung. Die Landesforsten verweisen darauf, dass in den niedersächsischen Wäldern nachhaltig gewirtschaftet werde. „Jedes Jahr wächst mehr Holz nach, als geerntet wird“, sagt ein Sprecher.

Nicht nur der BUND, auch viele Förster sehen diese Nachhaltigkeit jedoch durch die ökonomischen Vorgaben der Landesforsten gefährdet. „Inzwischen gibt es Meldungen über Kahlschläge aus dem ganzen Land“, berichtet der Bund-Experte und frühere Förster Weber. Das seit 1991 geltende Waldbau-Programm LÖWE („Langfristige ökologische Waldentwicklung für die Niedersächsischen Landesforsten“) habe zwar offiziell immer noch Gültigkeit. „Die Praxis sieht jedoch anders aus“, meinte Weber. Außerdem sei das Programm modifiziert worden. So durften bis vor kurzem Eichen erst geschlagen werden, wenn sie in 1,30 Metern Höhe einen Durchmesser von 80 Zentimetern hatten. Durchschnittlich waren die Bäume dann mindestens 200 Jahre alt. „Vor zwei Jahren ist der Durchmesser auf 60 Zentimeter gesenkt worden“, sagt Weber. Dies bedeute, dass Eichen bereits im Alter von 160 bis 170 Jahren geschlagen werden können. Damit könnten sich keine alten Bestände mehr entwickeln. „Alte Bäume sind aber besonders wertvolle Bäume, damit geht ein erheblicher Teil der Wertschöpfung zum Schaden künftiger Generationen verloren.“

Auch ökologisch seien reife alte Bäume von besonders großem Wert, weil sie den höchsten Anteil an seltenen und gefährdeten Tierarten beherbergen. „Wenn man die alten Wälder zu schnell nutzt und innerhalb weniger Jahre verkauft, destabilisiert sich das ganze System“, warnt Weber.

Es würden aber nicht nur zu junge, sondern auch zu viele Eichen abgeholzt. Nach Einschätzung des Bund-Fachmanns dürfte im vergangenen Jahr mehr als das Doppelte des von der niedersächsischen Forsteinrichtung festgesetzten Hiebsatzes gefällt worden sein. Grund für den starken Holzeinschlag seien ökonomische Zwänge. Weil die Landesforsten betriebswirtschaftlich eine „schwarze Null“ schreiben müssten, habe sich der Produktionsdruck erhöht. Viele Förster seien in Gewissensnot, weil die derzeitige Bewirtschaftung in ihren Augen nicht der guten fachlichen Praxis entspreche. „Ich kenne keinen Kollegen, der das gut findet, was da passiert“, sagt Weber.

Der BUND will jetzt eine Diskussion anstoßen und die Probleme in einer Dokumentation auflisten, die dann der Landesregierung zugeleitet werden soll. Außerdem will die Umweltorganisation einen jährlichen Bericht über die Situation der Wälder in Niedersachsen herausgeben.

Heidi Niemann


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