Forsthistorische und forstpolitische Reflektionen zur Zukunft der Buche als Wirtschaftsbaumart

WILHELM BODE, Michael Succow Stiftung

Abb.   1: Diane Rattray, Titel: „Isn't it good – German wood“

Das (foto)realistische Gemälde von Diane Rattray erzielte auf Kunstmessen im Ausland Spitzenpreise: Doch an beißende Ironie – selbst aus dem Ausland – ist die beamtete Forstwirtschaft spätestens seit den vernichtenden Aussagen Aldo Leopolds über den deutschen Holz- und Rotwildacker in den 30er Jahren gewöhnt. Alle Kritik perlt bis heute am grünen Rock herunter, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Man ist offenbar immun gegen Kritik an den naturfernen Zuständen in den eigenen Wäldern. Erst recht wenn sie von sog. Nestbeschmutzern aus den eigenen Reihen kommt. Auch die ökologisch überzeugenden Waldbilder naturnaher Waldwirtschaft in privaten Dauerwald-Betrieben vermag viele auf Lebenszeit beamtete Forstkollegen nicht zu überzeugen – allen Lippenbekenntnissen in den Forstgesetzen zur Vorbildfunktion des öffentlichen Waldes zum Trotz. Man kann es sich leisten: Das Gehalt kommt seit Jahrzehnten aus dem Steuersack und nicht aus den Ergebnissen der eigenen forstlichen Arbeit.

Es ist also zu begrüßen, wenn jetzt endlich die Zustände im öffentlichen Wald in Deutschland über die Frage der Ökonomie zur politischen Entscheidung drängen. Denn, was die Naturgemäßen seit der Dauerwalddiskussion in den 20er Jahren immer wieder gefordert haben, nämlich die Entscheidung um das bessere Betriebsmodell letztlich „im Wald“ (gemeint war damit immer die Ökonomie) zu suchen, lässt sich heute nicht länger gegenüber der Politik hinauszögern. Seit Jahren und mit stetig wachsender Deutlichkeit sind die Dauerwälder des Privatwaldes mit sehr großem Abstand die rentierlichsten Waldbetriebe in Deutschland überhaupt. – Und, ist das nicht wunderbar: Ganz ohne Raubbau, sondern mit wachsenden Laubholzanteilen, stabilen und naturreichen Wäldern, angepassten Wildbeständen und auch noch mit gesunden Steuerzahlern in Person der privaten Eigentümer dahinter.

Tatsächlich ist die eigentliche Gefahr für die Buche im deutschen Wald nach wie vor ein falsches Betriebsmodell im öffentlichen Wald, das gesteuert von einer ineffizienten Zentralorganisation die ökonomische Herausforderung dadurch gewinnen will, kurzfristigen Kostenvorteilen auf Kosten der Biologie hinterherzulaufen. Machen wir uns nichts vor: Es ist uns naturgemäßen Vertretern – erst recht seit der Wiedervereinigung – nirgends wirklich gelungen, gegen diese ökologische, aber vor allem ökonomische Ignoranz in der akademischen Forstbeamtenschaft erfolgreich anzugehen. Das alte Denken feiert angesichts steigender Rohholzpreise selbst in westdeutschen Forstverwaltungen wieder fröhliche Urständ. Man glaubt also mit den alten, falschen Rezepten doch noch einmal schwarze Zahlen schreiben und den ungeliebten Reformdruck so überwintern zu können – landauf, landab auf Kosten der Buche und der Pfleglichkeit der Betriebstechniken.

Die traurige Realität des Buchenwaldes!

Die Daten aus der Bundeswaldinventur 2002 zeigen, dass Buchenwälder einst mit 74% unsere natürliche Umwelt prägen würden, heute aber auf einen kümmerlichen Rest von 15% mit Buchen bestandener Waldfläche zusammengeschrumpft sind. Buchenwälder nehmen also nur noch 4,8 % der Fläche Deutschlands ein (vgl. auch den Beitrag von H. D. Knapp in diesem Heft).

Abb.   2: Zugehörigkeit der heutigen Waldflächen Deutschlands zur natürlichen Waldgesellschaft (in Flächenprozenten), Quelle: Bundeswaldinventur 2002, verändert nach Dr. G. Sperber, 2005

Abb.   3: Baumartenanteile im deutschen Wald (in Flächenprozenten) Quelle: Bundeswaldinventur 2002, verändert nach Dr. G. Sperber, 2005

Ironisch lässt sich außerdem formulieren: Deutschland hat ein überaltertes Volk mit ausschließlich jungendlichen Buchen! Das heißt auf gerade noch 1,3 % der Gesamtfläche Deutschlands stocken (jung)erwachsene Buchen im Alter von mehr als 120 Jahren und auf lediglich 0,16 % solche, die mit 160 Jahren im Zenith ihres natürlichen Lebenszyklus stehen. Die für den Naturschutz so wichtigen und biologisch voll ausgereiften Altwaldstadien fehlen also im Wirtschaftswald fast vollständig. Von der ursprünglich biologisch reichen, typischer-weise von reifen Altbuchen geprägten Waldnatur ist faktisch nichts mehr übrig geblieben.

Die in jüngerer Zeit der Naturdynamik überlassenen Flächen nehmen mit 122.558 ha gerade 0,3467 % (vgl. den Beitrag von L. Jeschke in diesem Heft) der Gesamtfläche Deutschlands (35.702.300 ha) ein. Das heißt, 99,65 % der Fläche Deutschlands unterliegen der Nutzung und haben damit auch in Zukunft keine Chance biologisch auszureifen.

In Deutschland gibt es 824 Naturwaldreservate (ohne Totalreservate der ehemaligen DDR, vgl. den Beitrag von L. Jeschke in diesem Heft). Sie haben eine mittlere Größe von 37,1 ha und eine Gesamtfläche von 30.587 ha. Ihr Anteil an der gesamten Waldfläche in Deutschland (10,7 Mio. ha) beträgt nur 0,29%. Der Mosaikzyklus biologisch ausreifender Wälder (ohne permanente Randstörung) verlangt aber Prozessschutzflächen von mehr als 200 ha je Gebiet – idealer Weise von 2-10 Tausend ha. Aber selbst in den Nationalparken werden die Wälder – häufig auf Druck der Forstverwaltungen – in Teilen weiter genutzt.

Die traurige Realität forstlicher Planwirtschaft!

Dieser bejammernswerte Zustand ist nicht Folge ökonomischer Rationalität, sondern gleichzeitig herrscht auf ganzer Fläche eine geradezu schreiende Ineffizienz.

Die Eigentumsverhältnisse zeigen, dass mit 54 % öffentlichem Forst die größte noch verbliebene „Planwirtschaft“ ausgerechnet im Krisen geschüttelten Wald überlebt hat. Nirgendwo in Europa gibt es eine solche Dominanz der öffentlichen Forstwirtschaft. Doch seit 1990 hat vorsichtig auch die Privatisierung der Staatswälder – ähnlich wie bei Post und Bahn längst vollzogen – eingesetzt. Im Vertrag über die Europäische Gemeinschaft (EGV) verpflichteten sich die Staaten in § 90, alle öffentlichen Unternehmungen (mit wirtschaftlichen Tätigkeiten und Funktionen) vollständig den privaten Unternehmungen gleichzustellen. Das bedeutet, dass auch die öffentlichen Forstbetriebe letztendlich privatrechtlich zu organisieren sind. Damit ist die faktisch monopolartige und planwirtschaftliche Stellung der Staatsforstbetriebe (Einheitsverwaltung, kombinierte hoheitlich/betriebliche Zuständigkeit, öffentlicher Defizitausgleich, öffentliches Dienstrecht etc.) zwangsläufig aufzuheben. Wenn das in den 50 Jahren seit Inkrafttreten des EG-Vertrages bis heute noch nicht geschehen ist, lag das an den bis jüngst dominierenden Prioritäten von Staatsindustrien, Post, Bahn, Telekom etc. Jetzt ist die Zeit politisch reif, den EGV auch auf die Forstwirtschaft anzuwenden. EU-Erweiterung und Globalisierung erhöhen noch den Druck zur Verwirklichung des § 90 EGV auch im dunklen Forst. Und das ist ein Glücksfall für den Naturschutz – entgegen verbreiteter Meinung engagierter Naturfreunde und Aktivisten.

Abb.   4: Eigentumsanteile im deutschen Wald

Zwar stellt das staatliche Forstwesen sein Angebot an Politik und Gesellschaft unter das Motto „Wald für Menschen“. Tatsächlich zeigt aber eine kritische Analyse den typischen Tatbestand aller Planwirtschaften, nämlich eine ausgeklügelte Selbstversorgung z. B mit jagdlichen und anderen berufsständischen Vorteilen – sonst nichts. Die Forstverwaltungen versagen auf ganzer Linie weil – ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Es keine Trennung von Hoheit und Betrieb gibt!
    Es versagt die hoheitliche Kontrolle gegenüber dem eigenen Betrieb (Beispiel: Schalenwild Überhege, harte Betriebstechniken, Durchforstungsrückstände etc.)
  • Es keine (Ideen)offene Binnenstruktur gibt!
    Gerade in den neuen Ländern sind die staatlichen Forstverwaltungen immer noch „Staat im Staate“ und unterbinden offenen Wettbewerb um die beste Lösung in den eigenen Reihen (Beispiel Brandenburg, wo waldbaulich vorbildliche Revierförster wegen kleiner Überschreitungen des Abschussplanes dienstlich behelligt werden – trotz einer landesweit ausufernden Schalenwildplage. Letzteres stellt aber das wirkliche Problem dar!)
  • Es keine „objektive“ Politikberatung gibt!
    Die Beratung der Politik durch die ministerielle Forstinstanz erfolgt natürlich nie zum eigenen institutionellen Schaden. Wer den Sumpf austrocknen will, sollte bekanntlich nicht die Frösche fragen. Die Politik wird aber gerade von diesen „grünen Fröschen“ beraten.
  • Es keine Simulation von Marktstrukturen gibt!
    Wettbewerb muss innerhalb des Betriebes stattfinden, wenn er schon nach außen keinem echten Wettbewerb unterliegt. Genau das aber wird durch zentralistische Vorgaben verhindert, anstatt durch stetiges Benchmarking das Versagen vor Ort in den Forstämtern aufzudecken und intern die fehlenden Marktstrukturen zu simulieren.
  • Und es auch kein pluralistisches Rollenspiel in der Forstpolitik gibt!
    Wenn einer nach eigenem Selbstverständnis alles richtig macht, warum soll man dann etwas ändern? Zumal derjenige selbst den Zugriff auf alle anderen Stimmen im politischen Konzert hat. Die Staatsforstverwaltungen hatten z. B. bis in unsere Zeit maßgeblichen informalen Einfluss auf die Besetzung der Lehrstühle an den forstlichen Hochschulen. Bis jüngst fehlte es damit selbst an der wissenschaftlichen Kritik. Zudem ist die Holzindustrie genauso abhängig vom Staatsforst wie große Teile des Privatwaldes. Erstere fürchtet um die ortsnahe Belieferung, letzterer um seine Förderbewilligungen. Ja selbst der Naturschutz ist auf den Staatsforst angewiesen. Er braucht ständig sein Wohlwollen, wenn er im öffentlichen Wald sich um die Natur kümmern will. Alles in allem hat das demokratische Rollenspiel unseres pluralistischen Systems deswegen in der Forstpolitik nie funktioniert und wird nicht funktionieren, solange sie vom Staatsforst für den Staatsforst gemacht, verantwortet und kontrolliert wird.

Doch was hat das alles mit der Zukunft der Buche als Wirtschaftsbaumart zu tun?

Die Antwort auf diese Frage gibt die ökonomische Lebenserfahrung: Ineffizienz führt immer dazu, dass die knappen Ressourcen fehl investiert werden, m.a.W. die Forstbürokratie neigt aus Selbsterhaltungsgründen zwangsläufig dazu, die verfügbaren Mittel zunehmend in den Eigenerhalt (also letztlich konsumtiv) anstatt in das langfristig Wert produzierende Waldvermögen ihrer Buchenwälder zu investieren. Die dadurch zwangsläufig weiter sinkende Rentabilität führt zu stetig wachsenden Rationalisierungen durch Extensivierung (z. B. Durchforstungsrückstände, harte Betriebstechniken, geringe biologische Intensität etc.). Am Ende steht unaufhaltbar ein sich ausschließlich an kurzfristigen Produktionszielen orientierender Waldbau, der jeder langfristigen Buchen- oder Laubholzwirtschaft widerspricht. Ganz zu schweigen von dem immer größer werdenden Druck, die wachsenden Liquiditätsprobleme durch zusätzliche Einschläge in Buchenaltbeständen zu kompensieren, was den Teufelskreis der waldbaulichen Degradation weiter beschleunigt. Die bundesweit aktuellen Übernutzungen im Altholz und Extensivierungen in der Waldpflege des Laubholzes sind in allen Landesforstverwaltungen beklagenswertes Zeugnis dieser Entwicklung.

So traurig es ist: Je ineffizienter der Staatswald organisiert ist, umso geringer sind dort dann leider auch die Chancen der Buche als Wirtschaftsbaumart.

Doch es gab auch Erfolge.

Dabei hatte die deutsche Forstgeschichte an der Schwelle zur Waldbauzeit so großartig angefangen! Fragen Sie ältere – häufig mit Stolz gefüllter Brust darüber prahlende – Forstkollegen, hört man von der Ablösung der Waldservitute, dem Aufbau der ostdeutschen Kiefernwüsten, dem pflanzaktiven Wiederaufbau der Wälder, der Erfindung des Altersklassenwaldes, der flächenhaften Nachhaltigkeit der Holzerzeugung durch Forsteinrichtungspläne etc.. Tatsächlich war die singuläre und auch heute im globalen Maßstab einmalige, nirgends wiederholte Leistung die flächenhafte Durchsetzung des sog. „Territorialen Forstprinzips“, das letztendlich als entscheidende Kraft hinter den – durchaus nicht klein zu redenden – Erfolgen stand. Das territoriale Forstprinzip, das von Preußen ausgehend sich in Deutschland durchsetzte, beinhaltete die örtliche Zuständigkeit des ehemaligen Waldschutzbeauftragten eines Waldortes zum Produzenten und Bewirtschafter einer – später und bis heute als Revier bezeichneten – Flächeneinheit. Es war ein organisatorischer Kunstgriff, der nicht nur die Aufsicht des in der Regel vor Ort wohnenden Försters sicherstellte, sondern insbesondere die Kontinuität der Flächenverantwortung durch eine konkrete und auf Dauer berufene Person für eine waldbaulich überschaubare und deswegen biologisch steuerbare Wirtschaftsfläche begründete. Dies war maßgeblich die Voraussetzung für den bemerkenswerten Erfolg des Hartig`schen Großschirmschlages, der auf riesigen Flächen die devastierten und verhauenen Reste des Buchenwaldes wieder in geschlossene Bestände überführen ließ. Hartigs persönliche Verdienste basierten auf seinen einfachen und generalisierenden Regeln, die durch das sich soeben etablierende Revierförsterprinzip aber überhaupt erst flächenwirksam werden konnten. Wie bedeutend dieser Erfolg war, lässt sich am ehesten daran messen, dass während die Buche sogar wachsende Flächenanteile zurück gewann, sie gleichzeitig dramatisch an Wert verlor, also zum Sorgenkind des Forstwesens schlechthin wurde. Über das ganze 19. Jahrh. blieb der Buchenbrennholzpreis trotz wachsender Nutzholznachfrage real stabil oder sank sogar, während die Betriebskosten erheblich anwuchsen. Dieses Missverhältnis wurde durch die deutlich steigende Bewertung der Nadelhölzer bis in die 60er Jahre des 20. Jahrh. aufgefangen – hielt also fast 150 Jahre an. Erst heute, wo weltweit die Produktion für starkes Laubholz durch Raubbau und Erschöpfung natürlicher Vorräte zurückgeht, hat die Buche inzwischen als Nutzholz eine geradezu hoffnungsvolle Wertentwicklung vor sich, was sich bereits seit den 70er Jahren als stabiler Trend andeutet.

Fragt man, welche Eigenschaften des Revierprinzips diesen waldbaulichen Erfolg unter den genannten Widrigkeiten ermöglichten, waren es genau jene, die die persönliche Verantwortung für die auf ein ganzes Menschenleben angelegte Buchennaturverjüngung sicherstellte. Es sind die lebenslange Berufung des Bewirtschafters und Langfristigkeit der räumlichen Organisation (Kontinuität), Alleinzuständigkeit und Nichtfunktionalität des örtlich Verantwortlichen, d. h. seine umfassende biologische Zuständigkeit auch z. B. für die Jagd, aber vor allem für die Waldarbeit und Technik.

Abb.   5: Georg Ludwig Hartig (1764-1837)

Diese Erfolge der Buchenwirtschaft nach dem Hartig`schen Großschirmschlag paarten sich allerdings mit dem qualitativem Verlust des daraus erwachsenden einschichtigen und gleichaltrigen Buchenaltersklassenwald mit seiner typischen Struktur- und Artenarmut.

Aber nicht diese biologische Verarmung sondern die Einfachheit und der generalisierende Anspruch des Großschirmschlages riefen bereits zu Hartigs Lebzeiten seine waldbaulichen Widersacher auf den Plan. Namentlich Wilhelm Leopold Pfeil, Akademiedirektor in Eberswalde, forderte waldbauliches Vorgehen stärker unter den Gesichtpunkten der örtlichen Gegebenheiten abzustimmen. Doch entgegen des später daraus und auf Kosten des Buchenwaldes abgeleiteten sog. „Gesetz des Örtlichen“ meinte er damit nicht die beliebige Freiheit der sich etablierenden Forsthierarchie nach den Vorstellungen der Standortserkundung, schwach wüchsige Buchenbestände durch standortsfremde Baumarten auszutauschen (z. B. mit Fichte, Lärche, Douglasie etc.). Pfeil meinte die soziale Einbettung waldbaulicher Entscheidungen zum Beispiel in die konkreten Lebensbedürfnisse der ländlich/örtlichen Bevölkerung – also eine eher fortschrittliche sozioökonomische Ausrichtung des Waldbaus. Auch für diese war das Revierprinzip bis in die jüngste Zeit die ideale organisatorische Einheit.

Abb.   6: Wilhelm Leopold Pfeil (1783-1859)

Wenn sich gleichwohl diese idealen Voraussetzungen in späterer Zeit nicht uneingeschränkt verwirklichten, lag das an dem unseligen Laufbahnprinzip des öffentlichen Dienstrechts, welches bis heute die Funktion des Revierverwalters dem Gehobenen Dienst und alle Führungsfunktionen dem des Höheren Dienstes vorbehält. Damit war betriebssoziologisch der Nährboden für eine Führungs- und Organisationspolitik bereitet, die eben diese Vorteile des Revierprinzips aushöhlte und sogar schlussendlich durch zentrale waldbauliche Lenkung insbesondere mit den Mitteln der Standortserkundung und der Forsteinrichtung ersetzte. Es sollte den Staatsforsten zu denken geben, dass gerade in dem so sehr erfolgreich arbeitenden privaten Dauerwaldbetrieben eben diese Instrumente so gut wie kaum eingesetzt werden.

Und es ist geradezu tragikkomisch, dass jene die zu ihrem Tun das sog. Pfeil`sche „Gesetz des Örtlichen“ durch Fehlinterpretation missbrauchten, unter Berufung darauf die Zukunft der Buche als Wirtschaftsbaumart am meisten gefährdeten. Im Zuge der Standortserkundung und in Verbindung mit der Forsteinrichtung bestimmten seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts – und bis heute – ortsferne Instanzen und Hierarchien darüber, welches Verjüngungsverfahren und welche Baumart als nächste Waldgeneration einem hiebsreifen Buchenwald folgen sollen.

Der neben den kriegsbedingten bedeutendste Flächenverlust der Buche im 20. Jahrh. geht auf diese eigenbetriebliche Fehlentwicklung zurück und ist in den alten wie neuen Bundesländern nach wie vor wirksam. Als eines der zahlreichen (aber durchaus nicht extremen) Beispiele soll der saarländische Waldumbau des kurzen statistischen Zeitraumes der Jahre 1978 – 1987 dienen. Der Verfasser untersagte 1987 als soeben ins Amt berufener Leiter der saarl. Forstverwaltung jegliche kahlschlagsweise Nutzung der Wälder im öffentlichen Wald-besitz. Die im Jahr 1988 erfolgte rückwirkende Untersuchung der Kahlschlagsaktivität im Vollzug der gültigen Standortserkundung und Forsteinrichtung der vorherigen Einrichtungs-periode ergab das erschreckende Ergebnis, dass mehr als 50 % des Vorrates aller über 130 Jahre alten Buchenbestände in nur max. 9 Jahren durch Kahlschlag genutzt wurden und in Douglasien- oder Eichenreinbestände aus Pflanzung überführt worden waren. Fraglos war das auch aus damaliger Sicht bereits eine ökonomisch und ökologisch unverantwortliche und extrem teure Verschlechterung der forstlichen Zukunft des Landes und seiner öffentlichen Waldeigentümer. Sie diente unter dem Deckmantel „Standortsgemäßer Forstwirtschaft“ und einem sog. saarl. „Programm zur Laubholzverjüngung“ allein dazu, die in dieser Zeit unaufhaltsam wachsenden Defizite des Forsthaushaltes zu kaschieren. Ein Grund für diese negative Ertragsentwicklung war das längst unbezahlbar und in Teilen überflüssig gewordene Forstamtsprinzip kleinster Einheiten. Es wurde indessen – wie andernorts in Deutschland auch – aus standespolitischen Gründen des Höheren Dienstes nicht reformiert. Der durch Laufbahnrecht betriebssoziologisch bereitete Nährboden erlaubte es, die Beratung der Politik an den eigenen berufsständischen Interessen des Höheren Dienstes zu orientieren. Ein Zustand, der sich bundesweit bis heute nicht wesentlich geändert hat.

Abb.   7: Umwandlung von Buchenaltbeständen im Saarland vor Einführung eines Kahlschlagverbotes durch den Verfasser im Jahr 1987 (in den 13 saarl. Forstämtern)

Doch die Frage stellt sich: Geht es auch anders?

Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn wir dorthin schauen, wo wir die stabilsten, naturreichsten und vor allem rentierlichsten Wälder finden. Als Beispiele seien hier der Wald des Freiherrn von Rotenhan (Rentweinsdorf, Franken) und der Wald des Hiller von Gärtringen (Gärtringen bei Böblingen, Baden-Württemberg) gezeigt. Beides sind Dauermischwälder in Privatbesitz und aus ihren Erträgen fließen Steuern an den Staat, der im eigenen Wald nichts Vergleichbares aufzuweisen hat hinsichtlich Gemeinwohlorientierung, Rentabilität und ökologischer Stabilität. Das Kulturökosystem Dauer(misch)wald zeigt zusätzlich noch eine hohe Resilienz, d. h. die Fähigkeit, Störungen wie z. B. solche durch den Klimawandel abzupuffern und ohne Reparaturkosten zum Normalbetrieb zurückzukehren. Die gezeigten Bilder wurden vom Verfasser ein bzw. zwei Jahre nach der Sturmkatastrophe 1990 aufgenommen. Beide gezeigten Wälder hatten in der Summe die gleichen schweren Schäden erlitten wie die häufig kahl geworfenen Staatswälder im mittleren Westdeutschland. Vivian und Wibke hatten im Dauermischwald, wie auch in späteren Waldkatastrophen, nur die hiebsreifen Oberständer herausgezirkelt.

Abb.   8: Wald des Freiherrn von Rotenhan (Rentweinsdorf, Franken) nach dem Sturmwurf 1990 (Foto 1991).

Abb.   9: Wald des Hiller von Gärtringen (Gärtringen bei Böblingen, Baden-Württemberg (Foto 1992).

Der Wald produzierte bereits im Folgejahr mit seinem Zwischen- und Unterstand sogar verstärkt weiter. In den langfristig als Dauermischwald bewirtschafteten Privatwäldern sind deswegen und trotz wachsender Kalamitätsereignisse Reinerträge vor Steuern in Höhe von 300 – 700 Euro je Jahr und Hektar nichts Ungewöhnliches. Und das alles mit stetig wachsenden Laubholzanteilen der Baumarten unseres natürlichen Buchenmischwaldes. Wenn wir also Erfolge bei der Sicherung der Buche als Wirtschaftsbaumart im deutschen Wald besichtigen wollen, müssen wir als Naturschützer – unserer lieb gewordenen Ideologie zum Trotz – in private Wälder häufig ehemals feudaler Besitzer reisen und uns an ihnen ein bürgerliches Vorbild nehmen.

Diese Privateigentümer sind sich übrigens sicher, dass sie damit aufs richtige Pferd setzen. Ihre Betriebsziele sind quasi geboren dazu, die Kontinuität der Walderträge für ihre Nachkommen zu sichern. Dazu brauchen sie mehr als je zuvor die ökologische Stabilität, da sie sich auf öffentliche Zuschüsse in den Katastrophen der Zukunft nicht verlassen können. Ihre zwangsläufige Verjüngungsweise ist die Natur, schon um den stabilen Grundbestand aus i.d.R. Rotbuchen kostenlos zu sichern. Alle anderen Holzarten produzieren sie in der Mischung mit dem natürlichen Baumartenspektrum unseres heimischen Buchenmischwaldes. Die personale Kontinuität des Forstpersonals ist ihnen dabei genauso wichtig wie das waldbauliche Primat bei der jährlichen Einschlagsplanung. Sie investieren zwangsläufig in die kontinuierliche Wertsteigerung ihrer produzierenden Bestände anstatt in die waghalsige Verwirklichung zentraler Zielbestockungsplanungen, die nicht erst heute – angesichts unsicherer Klimazukunft – zum reinen Vabanquespiel werden.

Sie vertrauen auch auf die ökonomische Binsenweisheit, dass Rohstoffe nicht nur knapper werden, sondern vor allem immer spezifischer zum Einsatz kommen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Buche für sie die Holzart mit Zukunft schlechthin, da ihr Holz die Materialeigenschaften aufweist, die sich Techniker und Designer für die Lebenswelt des Konsumenten der Zukunft wünschen. Sie ist:

  • leicht zu formen und leicht zu bearbeiten,
  • mit hoher Rohdichte sehr haltbar und fest im verarbeiteten Zustand,
  • darum reparaturfreudig,
  • beliebig einfärbbar,
  • transparent,
  • elastisch
  • (im Vergleich zu Nichtholzrohstoffen) mit niedrigem spezifischem Gewicht,
  • nicht allergisch und darüber hinaus
  • sehr gut recyclebar als Industrieholz oder zur Energiegewinnung,
  • darum insgesamt sehr biosphärenfreundlich.

Durch eben diese Eigenschaften für wertvolle Endprodukte bietet die Buche ein sicheres und tendenziell wachsendes Wertschöpfungspotential in der Zukunft und das mit globaler Nachfrage. Wen also die Sorge umtreibt, seinen Waldbesitz wert- und zukunftssicher auszurichten, setzt quasi automatisch auf die Buche als Rückgrat seines Waldbesitzes und strebt danach, sie kontinuierlich in seinen Beständen zu vermehren – kostensparsam durch Naturverjüngung versteht sich. Doch eine solche forstbetriebliche Ausrichtung setzt in echten Großbetrieben Bedingungen in organisatorischer Hinsicht voraus. Diese Voraussetzungen sind in den Staatsforstbetrieben aber aus eigenem Verschulden längst nicht mehr gegeben und kaum wiederherzustellen.

Der Verlust der primären Produktionsfunktion

Die Revierleiterfunktion beinhaltete bis gestern auch die des technischen Einsatzleiters für alle im Revier stattfindenden Betriebsarbeiten. Diese umfasste den verantwortlichen Einsatz der Regie- und Fremdarbeiter, der Saisonarbeitskräfte und der häufig landwirtschaftlichen Nebenerwerbsunternehmer – also bis jüngst den Einsatz von vorwiegend auf Muskelkraft basierenden Arbeitsverfahren. Der Revierleiter repräsentierte damit im ländlichen Raum nicht selten den größten Arbeitgeber vor Ort, der zudem denjenigen Menschen Brot und Arbeit gab, deren handwerkliches Geschick und Ausbildungsstand sie auf Handarbeiten beschränkte. Die Forstproduktion verwirklichte also ihren begrifflichen Anspruch „Primär“-Produktion im ursprünglichen Sinne dieses Wortes zu sein. Primärproduktion bezeichnete früher einmal die Form der Produktion, die den primären Energieeintrag in das System Erde nutzt und damit in idealer Weise solar orientiert ist, also „primäre“ Produktivität nutzt. Heute, zum Zeitpunkt einer Gesellschaft im Klimawandel, scheint uns dies wie eine geradezu paradiesische Qualität und ist unbestritten die revolutionäre Herausforderung der Zukunft unserer Gesellschaft. Waldwirtschaft war bis jüngst sogar die Form der Primärproduktion, die naturgemäß kraft ihrer geringen Mechanisierbarkeit und Arbeits- und Kapitalintensität je Flächeneinheit mit großem Abstand die höchste Nettoenergieproduktivität des solaren Inputs garantierte. Sie produziert mit der Buche zudem einen Rohstoff, der wie kaum ein anderer als sehr biosphärentauglich und darum zukunftsfähig angesehen werden kann (siehe oben).

Wer nun gedacht hätte, dass damit die hohe Stunde der gesellschaftlichen Vorbildfunktion und Zukunftsinnovation im öffentlichen Forstbetrieb geschlagen hätte, sieht sich bitter enttäuscht. Die akademischen Spitzen der Forstverwaltungen berieten die beratungsbedürftige Politik genau zum Gegenteil. Sie rationalisierten alle Handarbeitskräfte wegen eines kurzfristigen Kostenvorteils weg und entledigten damit auch das Revier seiner wichtigen (buchenfreundlichen) Funktion als technische Einsatzleitung einer vom Waldbauer selbst gesteuerten, sorgfältigen und bestandespfleglichen Laubholzwirtschaft. Längst reichen inzwischen die Handarbeitskräfte nicht mehr aus, diese auf Muskelkraft basierende und handwerklich gekonnte Bestandespflege auszuführen, die eine Laub(wert)holzwirtschaft kontinuierlich voraussetzt. Jetzt bleibt im Staatswald nicht anderes mehr übrig, als auf maschinenfähigen Waldbau mit vorwiegend Nadelbäumen zu setzen, die im Klimawandel aber den denkbar ungünstigsten Waldaufbau bedingen. Um die eigene Position auf der Ebene der Forstämter zu konservieren, opferte man die historisch gewachsenen Voraussetzungen einer pfleglichen Waldwirtschaft und damit auch die sozioökonomische Funktion des Forstes im ländlichen Raum. Zu Lasten der Wertschöpfung in der Biologischen Produktion versuchte man kurzfristige Kosten in der Technischen Produktion zu sparen. Gleichzeitig gab man damit die Chance auf, durch waldbauliche Steuerung die Biologische Automation zur Kostensenkung im Technischen Betrieb einzusetzen.

Biologische Produktion

Technische Produktion

Wildregulierung

Mischungsregulierung

Auszeichnen

Forstliche Einsatzkontrolle

Sonstiges waldbauliches Management

Werte produzieren

Holzernte

Pflanzungen

Holzrücken

Wegebau

Sonstiger Arbeits- und Maschineneinsatz

Kosten sparen

Negativer Einfluss

Abb. 10: Im Gegensatz zu den Staatsforsten legen die privaten Dauerwaldbetriebe den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Optimierung der Biologischen Produktion. Sie senken damit die Kosten der Technischen Produktion und schaffen gleichzeitig deutlich höhere Werte. Kostenoptimierung hat im Waldbetrieb fast immer einen negativen Einfluss auf die Wertproduktion (roter Pfeil). Biologische Wertproduktion hilft durch Dimensionswachstum fast immer auch Kosten zu sparen (grüner Pfeil).

In den letzten 10 Jahren wurden mindestens 50 % aller Waldarbeiter in den Landesforstverwaltungen zugunsten der hoch mechanisierten Verfahren wegrationalisiert. Insgesamt arbeiten gegenüber 1950 heute noch max. ca. 3-5 % der Arbeitskräfte im Wald wie damals. Die Rückstände in der Laubholzpflege sind infolge dessen seit ca. 30 Jahren regelmäßig beklagtes Begleitphänomen der Staatsforstwirtschaft. Dieser Nachteil war vorwiegend der Konservierung der eigenen organisatorischen Stellung geschuldet, nämlich der Unantastbarkeit des Forstamtsprinzips. Gerade das hatte sich aber durch die Zeitläufe seit 1820 längst überholt: Es entstand aus den ehemaligen Oberförstereien, die ihre Daseinsberechtigung unter den Bedingungen des 19. Jahrh. erhielten – also zum technischen Stand von Brieftaube, Postkutsche und Meldereiter. Zwischenzeitlich waren aber das Telefon, der PKW, der Mobilfunk und die Datenübertragung erfunden. Zudem hatte die Forstwissenschaft bereits seit den 30 - 40er Jahren des letzten Jahrh. die Grundlagen der Luftbildinventur und des sog. Stichproben-Verfahrens entwickelt, mit denen man eine zentrale Nachhaltskontrolle bestens auch aus der Ferne bewerkstelligen kann, wenn man gewollt hätte. Auch zeigen die sehr rentablen privaten Dauerwaldbetriebe, dass das forstbetriebliche Ergebnis vor allem durch biologische Rationalisierung bei gleichzeitiger biologischer Intensivierung, d. h. durch Waldbau, erzielt wird. Die dafür verantwortliche Stelle, das sog. (waldbauliche) Profit Center, des Waldbesitzes ist immer das Revier. Die Forstverwaltungen gehen und gingen wider besseres Wissen den umgekehrten Weg: Sie entleeren das „Profit Center“ Forstrevier seiner wichtigsten waldbaulichen Steuerungsmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten.

Inzwischen sind endgültig die Weichen im öffentlichen Wald auf energie- und kapitalintensive Verfahren der Arbeits- und Waldbautechnik gestellt und ein Zurück ist angesichts des breiten politischen Konsenses zum Abbau der öffentlichen Personalhaushalte ausgeschlossen. Der Revierleiter ist wieder auf die Funktion des Waldschutzbeauftragten zurückgeworfen, so wie zurzeit vor einer nachhaltigen Forstwirtschaft. Die Rolle des flächenverantwortlichen Bewirtschafters ist ihm abhanden gekommen. Der konsequent letzte Schritt zur völligen Entleerung des territorialen Forstprinzips, ist schließlich die Vergrößerung der Reviere auf bis zu 2500 ha (= 25 km²), wie aktuell z. B. in Bayern und im Saarland. Laub(wert)holzwirtschaft ist damit endgültig verunmöglicht. Sie setzt nämlich eine kontinuierliche auf den Einzelbaum hin orientierte Hiebsauszeichnung aller Alterstufen der Laubwälder voraus, was nur bei regelmäßiger und intensiver Ortskenntnis aller Bestände leistbar ist. Trotz Motorisierung und Datentechnik begrenzt das die waldbauliche Zuständigkeit auf max. 1200 -1500 ha (= 12 -15 km²) je Revier.

Diese organisatorische Entwicklung offenbart Tragik am Ende einer einst so ruhmreichen Forstgeschichte Deutschlands: Sehen wir vom Plantagenwaldbau ab, ist es weltweit nirgends wirklich gelungen den Raubbau am Wald zu stoppen. Insofern ist es längst nicht mehr übertrieben, von einer globalern „Waldendzeit“ zu sprechen. Zu eben diesem Zeitpunkt wird im Geburtsland der forstlichen Nachhaltigkeit das Revierprinzip (= territoriales Forstprinzip), das weltweit einzige flächenwirksame Instrument, außerhalb von Plantagen, nämlich in naturreichen Kulturwäldern nachhaltig Holz zu produzieren, wieder eliminiert. Es wird dem Eigeninteresse und Berufsverständnis der forstlichen Führungsklasse in den oberen Positionen der Verwaltungen geopfert, deren Vorstellung vom Wald das des zentral gelenkten, weitgehend menschenfreien und maschinengerechten, einen Massenrohstoff liefernden Forstes ist – aber eben leider kein Wald, wie die Gesellschaft ihn braucht.

Diese Entwicklung könnte dem Naturschutz gleichgültig sein, wenn damit nicht die organisatorische Voraussetzung für die Zukunft der Buche als Wirtschaftsbaumart im öffentlichen Waldbesitz besiegelt wäre. Tatsächlich hätte eine naturnahe Buchenwirtschaft alle Voraussetzungen für einen biosphärenorientierten Zukunftsbetrieb par excellence: Er erzeugt in großem Umfang vielfältig nutzbare und gesunde Rohstoffe, die sich ideal in die Biosphären-Prozesse einnischen und recyceln lassen. Seine nachhaltige Produktion bedarf nicht einmal der Zuführung von Nährstoffen, da der Buchenmischwald diese selbst im Kreislauf hält. Seine Bearbeitungstechnik ist zwangsläufig energie- und kapitalextensiv. Er benötigt stattdessen arbeitsintensive Waldpflege vorwiegend auf Basis von Hand geführten Maschinen (EMS). Die notwendige Bringungstechnik ist idealer Weise im Schwachholz das Pferd und im Starkholz die landwirtschaftliche Zugmaschine mit angebauter Seilwinde. Diese Tätigkeiten ergänzen den (traditionellen) bäuerlich landwirtschaftlichen Betrieb und vermitteln ihm in der an Beschäftigung armen Winterzeit einen interessanten Nebenerwerb. Eine konsequente politische Unterstützung dieser Buchenwirtschaft im öffentlichen Betrieb würde sogar mittelbar motivieren, das Zugpferd auch im landwirtschaftlichen Betrieb wieder stärker zum Einsatz zu bringen. Die damit insgesamt maßgeblich auf Muskelkraft basierenden Betriebsarbeiten könnten im ländlichen Raum eine stabile Stütze des dörflichen Arbeitsmarktes sein. Die Arbeitsplätze können zudem denjenigen Menschen zur Verfügung stehen, die sich körperlich und handwerklich betätigen und ernähren wollen. Angesichts der seit Jahren spürbaren internationalen Verknappung von starkem Laubholz hat diese Wirtschaftsweise eine ausgezeichnete ökonomische Zukunft. Da gleichzeitig die aus starkem Buchenholz hergestellten Produkte eine hohe volkswirtschaftliche Wertschöpfung erzeugen, steht auch die Volkswirtschaft auf Seiten der Gewinner dieser Wirtschaftsweise. Selbst die ökologische Zukunft der Buche ist nach unserer heutigen Kenntnis gesichert: Sie hat in Deutschland ihr europäisches Kernareal. Sie kann infolgedessen eine klimabedingte Verschiebung ihres Areals um 200-300 km nach Nord-Osten ohne weiteres verkraften und ist damit unsere vermutlich klimaresistenteste heimische Baumart.

Das alles ist zu schön, um wahr zu sein? – fragen Sie. Sie können die beschriebene Wirtschaft jetzt besichtigen: Im privaten Dauermischwald! Der arbeitet nicht an erster Stelle deswegen so, weil er die schöneren und naturreicheren Wälder bauen will – nein, sondern weil sie hochrentabel und krisensicher sind. Im Gegensatz zu den maschinenfähigen Wäldern, die uns in naher Zukunft im öffentlichen Wald als einzige Alternative übrig bleiben.

Innerhalb nur einer Forstgeneration wurde also zwei Mal die säkulare Chance vertan, den öffentlichen Forstbetrieb zum Modell des gesellschaftlichen Umdenkens zu machen. Schon mit dem Waldsterben zu Anfang der 80er Jahre lag es nahe, dass die öffentliche Forstwirtschaft das – die gesamte Politik und Öffentlichkeit bewegende – Problem zum Anlass nehmen sollte, ihren Wald als Opfer des verschwenderischen Energieverbrauchs, durch niederentropisches Wirtschaften zum Modell des gesellschaftlichen Wandels zu machen. Zu diesem Zeitpunkt waren noch alle personellen und organisatorischen Voraussetzungen in den Staatsforstverwaltungen bestens gegeben. Doch schon damals wollte man nicht! Man sah das Waldsterben eher als Störfaktor an, im „eigenen“ Wald nicht so weiter machen zu dürfen wie bisher. Stellte es doch so eine „unangenehme“ Öffentlichkeit im dunklen Forst her. Statt sich des öffentlichen Interesses zu bedienen, wurschtelte man lieber weiter wie bisher.

Erst recht war am Ende des Jahrh. die beginnende Diskussion zur Klimakatastrophe ein Menetekel, das niemandem mehr als den Forstverwaltungen Anlass zum Umdenken gegeben hätte. Doch wieder einmal stellten sie sich blind und veranlassten die Politik dazu, eine energie- und kapitalintensive Wirtschaftsweise jetzt möglichst auch dem Wald zu verordnen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass zum Zeitpunkt als sich der Wald als erstes und absehbar eines der am schwersten betroffenen Opfer der entropischen Wirtschaft zu erkennen gibt, die zu seinem Schutz Berufenen ihn beschleunigt dieser falschen Wirtschaftsweise ausliefern.

Abb. 11: Energieproduktivität, Kapital- und Energieeinsatz verschiedener Landnutzungsformen; Bei 1/1 wird soviel Energie zugeführt, wie der primär erzeugte Rohstoff enthält (z. B. für die Ernährung des Menschen). Ab 1/>1 ist also der Produktionsprozess energetisch defizitär, kann also begrifflich nicht mehr als „Primär“-produktion bezeichnet werden.

Und es gibt noch ein Geheimnis, das keines ist.

Naturnahe Laubmischwälder wachsen nur dort, wo die Wildbestände auf ein waldökologisch tragbares Niveau einreguliert werden. Sie bezweifeln, dass das ein Problem ist? Nun, es ist sogar das größte ökologische und ökonomische Problem im deutschen Wald seit Jahrzehn-ten. Und allen forstlichen Beteuerungen zum Trotz, es ist nicht einmal im Geringsten gelöst. Selbst in den neuen Bundesländern, wo angeblich nach der Wende die durch die SED-Funktionärsjagd überhöhten Wildbestände einreguliert wurden, erfreut sich das Schalenwild im Wald einer wunderbaren, selbst vor 1990 niemals gekannten Vermehrung, die biblisch nur mit der Hochzeit von Kanaan vergleichbar ist. 1 700 000 (eine Millionen und sieben Hundert Tausend) Stück Schalenwild (= Großsäuger) werden zurzeit jährlich im deutschen Wald geschossen. Allein ca. 250 Tausend Stück kommen alljährlich mit der Folge entsprechender Personen- und Sachschäden auf Deutschlands Straßen um. Übrigens steigt diese Kurve proportional mit der Abschussquote (~ Wilddichte), was ein sicherer Beleg dafür ist, dass das mit dem Verkehr auf den Straßen nichts zu tun hat sondern allein mit der Überpopulation. Diese Schalenwilddichte ist die höchste in einem Wald auf dem ganzen Globus und nur mit der wildreichsten Steppe der Erde, die unter dem Namen Serengeti bekannt ist, vergleichbar. Diese Massierung findet bei uns allerdings nicht auf der Weide, sondern im Kulturwald statt, der nicht nur seine Waldbesitzer ernähren soll. Er soll gleichzeitig den Belastungen eines der dichtest besiedelten Großräume der Erde standhalten, Wasser liefern, Holz produzieren, Erholungsraum für die Menschen bereitstellen und nicht zuletzt das Waldsterben und die Belastungen des Klimawandels wegstecken.

Ginge es der Buche nur halb so gut wie dem Schalenwild im deutschen Wald, dieser Beitrag bräuchte nicht geschrieben zu werden. Es müssten die per Gesetz dem Wald- und Gemeinwohl verpflichteten Staatsforstverwaltungen nur so aufheulen, könnte man meinen. Falsch, sie sind Teil des Problems! Noch nie haben Forstverwaltungen nach dem Krieg die Politik unmissverständlich beraten, wie die überhöhten Schalenwildbestände wirksam einreguliert werden können. Und es ist maßgeblich ihr „Verdienst“, dass 70 Jahre nach Hermann Göring, dem Reichsforstmeister, dieselben von Rassezucht Gedanken getragenen Regeln des Jagens immer noch Gesetz sind – mit diesem typischen Inhalt übrigens einmalig in der Welt.

Sie meinen, dem müsste man beikommen können? Ja, es gibt ein Rezept: Die Forstverwaltungen werden konsequent gezwungen, ihre Holzernte ausschließlich in Einzelbaumweise, d. h. kahlschlagfrei, und weitgehend ohne Nachpflanzung zu erbringen. Schon wenige Jahre später wären sie gezwungen, ihren wildbedingten Misserfolg durch realistische Abschüsse in dem ihnen anvertrauten Wald zu begegnen. Allerdings gibt es da noch ein Problem. Als nachhaltigen Erfolg der NS-Jagdpolitik haben wir es heute mit den Jägern als eine der effizientesten Lobbys in unserer Demokratie zu tun. Zwar jagt nur etwa jeder 300. Bürger. Diese nur knapp 0,3 % unserer Mitmenschen haben dank ihrer öffentlichen Kampfbereitschaft, finanziellen Ausstattung und der Unterstützung durch andere konservative Großverbände, wie z. B. die der Bauern, einen völlig unverhältnismäßigen Einfluss auf die Politik. So ist es ihnen gelungen, das NS-Jagdgesetz gegen den Widerstand der Alliierten 1952 annähernd wortgleich als demokratisches Bundesgesetz zu erlassen. Inhaltlich lief es selbst in der DDR nicht wesentlich anders. Noch schlimmer ist es, dass trotz dieser historischen Vorbelastung und den waldökologischen Folgen es bis heute nicht gelungen ist, dieses Gesetz an die veränderten Bedingungen in unserer Landschaft anzupassen. Stellen sie sich vor, wir benutzten unsere Straßen heute noch nach der Straßenverkehrsordnung von 1934 oder bauten unsere Häuser nach der Bauordnung des gleichen Jahres. Doch dem Wald und der Landschaft muten wir dieses alte Jagdrecht zu – allem Gerede vom Waldsterben, Klimawandel, nachwachsenden Rohstoffen etc. zum Trotz.

Mit Blick auf das Ziel, baumartenreiche Buchenmischwälder zu erhalten, lässt sich seit 50 Jahren der überhöhte Wildbestand als der alles bestimmende Standortsfaktor der Laubholzwirtschaft bezeichnen. Selbst wenn es gelingt die Buche zu verjüngen, werden die Mischhölzer wie Esche, Kirsche, Elsbeere, Ulme, Ahorn und Eiche regelmäßig vom Wild heraus selektiert. Das einzige Mittel dagegen ist bislang der Bau teuerer Waldschutzgatter zum Schutz der zur Nutzung anstehenden Altholzflächen. Und es klingt nicht nur verlogen, sondern es ist verlogen, wenn die Staatsforstverwaltungen ihren verantwortlichen Politikern in die Redemanuskripte schreiben, der Wildbestand sei überall so zu reduzieren, dass eine natürliche Verjüngung ohne Zaunschutz möglich sei. Der Beweis wird anschließend dadurch erbracht, dass Zäune nicht mehr genehmigt werden, weil sie ja sonst das Gegenteil belegen würden. Leidtragender dieses verlogenen Zirkelschlusses ist wieder einmal der Buchenmischwald. Tatsächlich gäbe es nur ein ehrliches Mittel, um angepasste Wildbestände im öffentlichen Wald zu belegen: Weisergatter! Darunter versteht man kleine Vergleichsgatter (15 x 15 m, ein Gatter auf ca. 2-3 ha), die unmissverständlich nach wenigen Jahren jedem Laien und Politiker die Wahrheit über den Einfluss des Wildes sagen. Doch welche Forstverwaltung bemüht sich schon um die ökologische oder ökonomische Wahrheit?

Doch selbst wenn sich einmal eine Minderheit von Forstkollegen diesem Problem ernsthaft widmet, werden sie entweder von ihren vorgesetzten Stellen oder der jeweiligen Jagdlobby bekämpft und müssen aufgeben. Zudem untersagt das öffentliche Dienstrecht dem einsichtigen Forstbeamten, mit seinem Problem die Öffentlichkeit zu suchen und seine Sache damit zum Gegenstand der politischen Diskussion zu machen.

Beamtete Fürsprecher sind insofern nicht die effizientesten Verteidiger des Waldes in unserer pluralistischen Gesellschaft, die politisch vom öffentlichen Diskurs der Interessen lebt. Wo kein Kläger, da kein Richter! – sagt der Volksmund. Und beamtete Förster haben eben den Mund zu halten, wenn sie mit den Widersprüchen in der eigenen Verwaltung nicht einverstanden sind und allen Grund hätten zu klagen.

Abb. 12: Ein x-beliebiges Beispiel von der Großweide „Deutscher Wald“; nur sog. Weisergatter können belegen, ob der Wildbestand einreguliert ist. Das deutsche Jagdrecht verunmöglicht eine wirksame und dauerhafte Limitierung der Schalenwildbestände zu Lasten des Waldes.

Was wäre die Alternative?

Lassen Sie mich vorweg sagen, was keine Alternative ist: Der Verkauf des Staatswaldes zur öffentlichen Haushaltssanierung. Oder wie jüngst aus NRW im Spiegel zu lesen war – mit dem Ziel, die Wiederaufforstung im Privatwald u. A. mit Douglasie und Fichte zu bezuschussen – also die Erlöse zum Fenster heraus zu werfen. Längst haben die Landesregierungen scheibchenweise begonnen, den Ausverkauf der Staatswälder einzuleiten. Beispiele gibt es aus Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, NRW, usw. Noch traut sich aber die Politik nicht so recht, das Ziel der Zerschlagung der Staatsforste offen zu verkünden. Doch der Zeitpunkt kommt unaufhaltsam. Denn längst besteht in der Politik über die Parteigrenzen hinweg Einigkeit, dass sich mit den Mitteln des öffentlichen Dienst- und Haushaltsrechts nicht wirtschaften lässt. Auch weisen alle zurzeit betriebenen Forstreformen in die gleiche Richtung: Trennung von Hoheit und Betrieb, Abbau des beamteten Personals und des Stammpersonals auf operationale Größenordnungen, Einrichtung sog. Landesbetriebe etc. Und auch als Naturschützer müssen wir konzedieren, dass die Grundrichtung, die Forste aus der öffentlichen Hand zu entlassen, richtig ist!

Abb. 13 stellt noch einmal ohne Anspruch auf Vollständigkeit die Gründe zusammen, die ein effizientes Wirtschaften im Staatsforstbetrieb genauso wenig möglich machen wie im Post- oder Fernmeldewesen.

Abb. 13: Ineffizienz ist die Geißel des öffentlichen Dienst- und Haushaltsrechts. Wir vergessen immer wieder, dass es nicht zum Wirtschaften geschaffen wurde, sondern um die hoheitlichen Ausgaben des Staates durch Parlament und Öffentlichkeit kontrollieren zu können.

Wer eine Wurst kaufen möchte, geht nicht zum Bäcker! Doch genau das tun wir Naturschützer, wenn wir glauben, der Buchenwald sei am besten beim Staatsforst aufgehoben. Beim genaueren Hinsehen, ist diese Auffassung pure Ideologie! Längst geben wir unsere Gesundheit in Hände privater Ärzte, trinken das Wasser privater Versorger, schicken unsere Kinder – sobald man es sich leisten kann – auf private Schulen etc. Aber ausgerechnet den Wäldern soll es besser gehen, wenn ein Beamter den Maschineneinsatz des Harvesters anordnet?

Abb. 14: Matrix zur Bestimmung der Qualität von Staatsaufgaben; Waldwirtschaft ist das genaue Gegenteil von staatlichen Aufgaben. Eine einfache Durchmusterung der Verantwortungsqualitäten zeigt, dass sie eine geborene Aufgabe der Privatautonomie ist. Die dominierende öffentliche Forstwirtschaft in der BRD ist allein historisch bedingt und hat europarechtlich keine Zukunft.

Aber selbst zur waldbaulichen Sicherung der Buche im deutschen Wald brauchen wir die Forstverwaltungen als Bewirtschaftungsverantwortliche nicht mehr. Eher gefährden wir ihre Zukunft als Wirtschaftsbaumart, wenn wir alles beim Alten lassen (siehe Abb. 15). Ist nicht kaputt, was eine eigenverschuldete Forstpolitik längst zerstört hat? Umgekehrt fragt sich: Was können wir aus Sicht des Naturschutzes überhaupt noch retten?

Abb. 15: Machen wir nicht länger den Bock zum Gärtner: Der Staatswald ist in ver-antwortlicher Privathand längst besser aufgehoben.

Der Naturschutz sollte die Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist, antizipieren und phantasievoll die Alternativen durchdenken. Nach den obigen Ausführungen sind verschiedene Intensitäten der Privatisierung des Staatswaldes möglich (siehe Abb. 16). Jedoch ein Vorbehalt muss von Anfang an gemacht werden: Alle Staatswälder sollten nach ihrer Gemeinwohlbedeutung klassifiziert werden (= Schutz des Tafelsilbers, ca. 20-25 %). Mit anderen Worten, alle Staatswälder, die vor allem der öffentlichen Daseinsvorsorge dienen sollen, sollten ganz aus der Nutzung genommen und z. B. einer Landesstiftung übereignet werden. Dazu gehören geschlossene, großflächige Buchenwälder genau so wie Erholungswälder, Wälder in Natur- und Großschutzgebieten etc.

Abb. 16: Es gibt viele Möglichkeiten, den Staatswald effizienter und gleichzeitig entsprechend seiner bisher nicht realisierten Gemeinwohlverpflichtung zu organisieren.

Tatsächlich bietet eine Privatisierung des Staatswaldes ungeahnte, neue Chancen für den Erhalt der Buchenwälder. Die wichtigste resultiert aus der einleuchtenden Tatsache, dass sie eine prächtige ökonomische Zukunft haben, also privatwirtschaftlich eine echte Alternative für jeden Waldbesitzer sind. Würden sich die Landesregierungen gleichzeitig durchringen, die unsägliche Wiederaufforstung von Nadelholz nach Kahlwurf im Privatwald nicht mehr zu fördern, fiele auch noch der letzte Anreiz weg, weiter auf die Nadelholzplantage zu setzen. Schon heute rechnen sich diese Nadelholzplantagen nur wegen der hohen steuerlichen Begünstigung der Kalamitätserträge und den anschließenden Aufforstungshilfen. Wie gut, dass die Buchenwirtschaft das alles nicht braucht. Wie wäre es, im Zuge der Klimapolitik die bisher der Nadelholzwirtschaft hinterher geworfenen öffentlichen Mittel zukünftig zur Neubegründung von Laubwäldern im Privatwald einzusetzen? Einmal – und nicht im 50jährigen Rhythmus der nächsten Windwurfkatastrophe wie beim Nadelholz in bisher mehr als 60 % aller Fälle!

Ohnehin zeigen die wenigen sicheren Prognosen zur Klimazukunft unserer Bäume, dass wir uns demnächst den Einfachwaldbau der Vergangenheit kaum noch leisten können. Die Fichte hat – ganz im Gegensatz zur Buche – die denkbar schlechteste Prognose. Und auch in Brandenburg wird man sich die für den Wasserhaushalt ungünstige Kiefer nicht länger im Reinbestand erlauben dürfen. Insofern ist es nicht zuviel versprochen, wenn man proklamiert – wie bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrh. – „Dem Mischwald gehört die Zukunft“. Denn nichts mehr als Rentierlichkeit setzt in unserer Gesellschaft die richtigen und damit die effizientesten Impulse: Oder vertrauen Sie etwa immer noch darauf, dass diese Impulse aus der Staatswirtschaft erwachsen?

Abb. 17: „Dem Mischwald gehört die Zukunft“ war die Forderung Wilhelm Münkers, dem Gründer der deutschen Jugendherbergsbewegung Ende der 40er Jahre. Die Forstverwaltungen haben diese seinerzeit beachtliche Initiative bis heute missachtet. Jetzt fordert der Klimawandel die notwendige Einsicht.

Noch ist die Chance gegeben, den Willen der Landesregierungen zur Privatisierung ihrer Staatsforste vom Naturschutz aus mitsteuernd zu beeinflussen.

Noch ist es den Landesregierungen wichtig, die endgültige Zerschlagung sozialadäquat, d. h. unter Wahrung der Gemeinwohlfunktion der Wälder zu ermöglichen. Der Naturschutz sollte aber nicht erwarten, dass die notwendigen Vorschläge dazu von den Forstverwaltungen kommen. Wir können also den richtigen Zeitpunkt verpassen!

Die nachfolgenden Stichworte sollen verdeutlichen, dass dieser Vorschlag einer geordneten und wohldurchdachten Strategie bedarf, um die Sicherung des Gemeinwohls tatsächlich zu gewährleisten. Doch dazu braucht der Naturschutz den Willen zur Gestaltung unseres Systems, an dem bisher nicht selten gezweifelt werden musste. Dazu muß er zunächst ankommen in unserer Gesellschaft. Er muß lernen, mit ihren Instrumenten zu arbeiten und damit in dieser Gesellschaft – und nicht gegen sie – seine Ziele zu erreichen. Unser System bietet ihm – entgegen weit verbreiteter Skepsis unter uns Naturschützern – jede Möglichkeit dazu.

Dazu gehört, sich die kritische Frage zu stellen, ob die Natur in alleiniger finanzieller Staatsverantwortung in unserem auf Privatautonomie (= Privateigentum) basierenden System eine gute Zukunft hat. Könnte also der hier vorgeschlagene Weg nicht auch der Einstieg in einen Schutz der Natur sein, der mehr auf privatem Engagement und Kapital beruht. Von Beidem gibt es bekanntlich genug in unserer Gesellschaft. Die böse Erfahrung der Schnelllebigkeit politischer Prioritäten und unseres Irrglaubens an die staatliche Allmacht haben wir seit der Wiedervereinigung und jüngst seit der wirtschaftlichen Rezession bitter erleben müssen. Zudem lässt die Zukunft eines überschuldeten Staates wenig Hoffnung aufkommen, die satten Jahre des Naturschutzes (1970 – 1990) kämen morgen zurück. Lassen sie uns also beginnen, den Weg in eine private Forstwirtschaft phantasievoll zu diskutieren – mit dem Ziel, forstpolitische Naturschutzziele effizienter als bisher umzusetzen. Wie wäre es z. B. mit den nachfolgenden Vorschlägen:

  1. Vorbedingung: eine echte Reform des Forst- und Jagdrechts
    • Also die Chancen der Föderalismusreform nutzen (Länderzuständigkeit) für wirksame Jagd- und Forstgesetze
    • dazu Bündnispartnerschaften mit Umwelt- und Waldbesitzerverbänden gründen, sowie
    • die Fürsprache der Wirtschaft und der Steuerzahlerlobby für einen schlanken Staat nutzen.
  2. Sicherstellung des Vorgehens durch (Landes)Privatisierungsgesetze
    • Festlegung der Privatisierungsziele
    • parlamentarische Durchführungskontrolle
    • öffentliche Politikdebatte
  3. Sicherung des sog. „Tafelsilbers“ (ca. 20-25%)
    • Stratifizierung und Sicherung der wichtigen naturnahen Waldkomplexe
    • Dazu ggf. Bildung eines Tauschpools mit dem Privatwald
    • Überführung der zu schützenden Waldflächen in einen Stiftungsfond (z. B. Landesnaturschutzstiftung „Walderbe“)
  4. Sicherung der Zukunftslasten durch Naturschutzfond (ca. 20% der Privatisierungserlöse)
    • für das Grundkapital einer Naturschutzstiftung „Walderbe“
    • dazu Zuweisung von ca. 20 % aller Privatisierungserlöse
    • dadurch Sicherstellung der laufenden Grundflächenlasten
    • und Sicherstellung der ökopädagogischen, wissenschaftlichen und naturschutzfachlichen Betreuung auf Dauer und unabhängig vom öffentlichen Haushalt
  5. Verantwortliche Vollprivatisierung aller restlichen staatlichen Wirtschaftswälder
    • Arrondierungsverkäufe an bestehende Privatwaldbetriebe und Kommunen
    • Fondsprivatisierung über Aktien und Ethikfonds (z. B. Klimaschutzfonds mit gesicherten Satzungszielen)
    • MBO (Management buy out) z. B. mit Revierleitern, denen der Kaufpreis gestundet wird;
    • Rückübertragungsvorbehalte bei Nichteinhaltung der Übereignungsverträge
    • Verkauf von Grunddienstbarkeiten, z. B. an Revierleiter, Umweltverbände etc.
  6. Glaubwürdigkeitsstrategie
    • Partnerschaften mit NGOs
    • öffentliche Rechenschaftsberichte
    • öffentlicher Ombudsmann für die Walderhaltung
    • regelmäßige parlamentarische Waldberichte, etc.
    • endlich eine unabhängige (und nicht zur Jagd gehende) Forsthoheit zur Beratung der Politik und zur öffentlichen Aufsicht über die privaten Waldungen.

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

Wilhelm Bode

Großherzog-Friedrich-Straße 110

66121 Saarbrücken

E-Mail: wilhelm.bode@online.de

Der Autor ist 60 Jahre alt, Jurist und Diplomforstwirt; er leitete sowohl die saarländische Naturschutzverwaltung als auch die saarländische Forstverwaltung, wo er 1987 erstmalig landesweit eine kahlschlagfreie, naturnahe Waldwirtschaft durchsetzte. Der aktive Naturschützer und Leitende Ministerialrat veröffentlichte mehrere Bücher und zahlreiche Artikel zum Themenbereich naturnahe Forstwirtschaft.

Literatur:

BODE, W. u. HOHNHORST, M. von (2000): Waldwende – Vom Försterwald zum Naturwald. 4. Auflage. Beck. München.199 S.

BODE, W. u. EMMERT, E. (2000): Jagdwende – Vom Edelhobby zum ökologischen Handwerk. 3. Auflage, Beck. München. 318 S.

 

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